Kreistag informiert sich in polnischen Partnerkommunen
„Das große Interesse des Kreistags an der Informationsfahrt zu unseren polnischen Partnern hat mich beeindruckt.“ Landrat Karl Röckinger freute sich sehr, dass zwei Drittel der Kreistags-Mitglieder die Einladung der polnischen Partnerkommunen angenommen hatten, sich über das lange Fronleichnams-Wochenende im oberschlesischen Myslowice, Imielin und Chelm Slaski ein Bild von der kommunalen Situation des Nachbarlandes zu machen und Kontakte zu den dortigen Kolleginnen und Kollegen zu knüpfen.
Beim offiziellen Empfang in den Partnerkommunen, der wie gewohnt sehr herzlich ausfiel, sprach sich der Landrat für eine weitere Pflege der mittlerweile seit über einem Vierteljahrhundert bestehenden Beziehungen aus. „Unsere Kontakte sind noch lange nicht in die Jahre gekommen. Eine gute Partnerschaft ist wie ein alter Wein – sie wird mit den Jahren immer besser.“ Kontakte wollen laut Röckinger aber nicht nur aufgebaut, sondern auch gepflegt werden. Ein Landkreis könne zwar vermitteln, unterstützen, zusammenführen, koordinieren, aber: „Die Partnerschaft verdanken wir vielen engagierten Menschen in Polen und im Enzkreis“, wie Röckinger betonte. „Wir verdanken sie auch einem aufgeschlossenen Kreistag, der die Partnerschaft großzügig unterstützt hat, damit wir vor allem jungen Menschen beider Seiten die Möglichkeit geben, sich zu begegnen und auszutauschen.“
In wenigen Wochen werden sich zum Beispiel deutsche und polnische Jugendfeuerwehren bei einem einwöchigen Zeltlager in Bauschlott treffen. Überhaupt arbeiten die Feuerwehren beider Seiten schon seit Jahren eng zusammen. Vor kurzem hat der Enzkreis etwa ein Einsatzfahrzeug an Myslowice übergeben. Zum Dank überreichten die polnischen Partner der deutschen Delegation nun eine handbestickte Fahne, die die Wappen aller 28 Enzkreis-Gemeinden zeigt.
Röckinger hob bei der Informationsreise auch die Verdienste seines Amts-vor-vorgängers Dr. Heinz Reichert hervor: Ihm sei es gelungen, den Kreistag zu überzeugen, dass man sich damals für die Linderung materieller Not im Osten und für die Begegnung junger Menschen im größer gewordenen Europa einsetzte. Nach Polen pflegte der Enzkreis damals ja schon seit geraumer Zeit intensive Kontakte. Ein Glücksfall für die internationalen Beziehungen des Enzkreises sei es natürlich auch gewesen, dass Dr. Reicherts Nachfolger Werner Burckhart sich nicht damit begnügt habe, die Partnerschaften zu „erben“; er habe sie weiter ausgebaut. Der Landrat wörtlich: „Es kommt nicht von ungefähr, dass ihm die Stadt Myslowice im Jahre 2002 die Ehrenbürgerwürde verliehen hat.“
Was den heutigen Kreischef selbst angeht: Auch Röckinger empfand die Partnerschaften des Enzkreises immer als Bereicherung. Mit dem Besuch in Polen ist er gewissermaßen zu den Wurzeln zurückgekehrt: Schon als Sozial- und Jugenddezernent hatte er Gelegenheit, die polnischen Freunde persönlich zu treffen. Er war sogar der erste offizielle Enzkreis-Vertreter, der damals Myslowice einen Besuch abgestattet hat: „Für mich war es nie eine Frage, diese Kontakte weiterzuführen und zu pflegen, ich habe damals zum Beispiel auch die Organisation der Ferienkinderaktion selbst in die Hand genommen.“
In den Anfangsjahren der Partnerschaft verfolgte der Enzkreis vor allem das Ziel, beim Aufbau sozialer Einrichtungen zu unterstützen. Inzwischen sind jedoch der Austausch und die Begegnung junger Menschen in den Vordergrund getreten „Heute begegnen wir uns als Partner auf Augenhöhe im „neuen“ Europa – und können angesichts der Beständigkeit der Beziehung über den zeitweisen politischen Hickhack zwischen unseren beiden Ländern nur den Kopf schütteln“, ergänzt Röckinger.
Auch für 2009 stehen wieder viele Kontakte und Austauschmaßnahmen auf dem Programm – mit den verschiedensten Zielsetzungen. Die viertägige Informationsfahrt des Kreistages stand ganz im Zeichen des Erfahrungsaustausches über die kommunale Selbstverwaltung. „Die Selbstverwaltung ist in unserem Land immer noch ein junges Kind, aber wir kommen mit vielen kleinen Schritten voran. Dabei ist uns der Erfahrungsaustausch mit Kommunen aus Deutschland sehr hilfreich“, sagte der Vorsitzende des Myslowicer Stadtrates, Bernhard Pastuszka.
Bei der Besichtigung kommunaler Einrichtungen, etwa einer Bibliothek, eines Feuerwehrmuseums oder eines Kulturhauses, waren die Kreisrätinnen und Kreisräte sehr beeindruckt von der Zielstrebigkeit: Die Bürgermeister von Myslowice, Chelm Slaski und Imielin konnten stolz auf ihre erfolgreiche Ausbauarbeit bei der Infrastruktur hinweisen. „Wir sind erfinderisch“, so Stanislaw Jagoda, der Bürgermeister von Chelm Slaksi, schmunzelnd. „Die Bergbauregion Oberschlesiens ist für Warschau immer noch ein ungeliebtes Kind. Da müssen wir schon selbst sehen, wo wir bleiben.“
Im Moment liege der Schwerpunkt seiner Arbeit auf der Verbesserung der Infrastruktur in seiner Gemeinde, erklärte Jagoda den Gästen aus Deutschland; und tatsächlich traf die Delegation überall auf Baustellen und Kräne. Derzeit wird in der 5.700 Einwohner zählenden Gemeinde die Kanalisation modernisiert. Auch in Imielin, das wie Chelm bis Mitte der 90er Jahre ein Stadtteil von Myslowice war und dann selbstständig wurde, tut sich einiges: Die Zuwanderung vieler junger Familien hat die Erweiterung der Grundschule und den Neubau eines Kindergartens nötig gemacht.
Beim abendlichen Treffen mit dem Stadtrat von Myslowice kam dann schließlich die Frage auf, ob man Kommunalpartnerschaften überhaupt noch brauche – wo doch heute die Grenzen offen und die Freizügigkeit innerhalb Europas Wirklichkeit sei. Die Kreistagsmitglieder und ihre polnischen Partner waren sich einig: Man braucht sie. Die europäische Integration habe heute einen Stand erreicht, bei dem es sich die kommunale Ebene gar nicht mehr leisten könne, nur in nationalen Kategorien zu denken. „Europa hat die Kommunen erreicht, und die Kommunen müssen sich damit auseinandersetzen,“ – diese Erkenntnis herrscht auf beiden Seiten der Grenze. „Global denken – lokal handeln“, den Leitgedanken der Lokalen Agenda 21, habe sich deshalb auch der Enzkreis auf die Fahnen geschrieben. Er sei geradezu eine Aufforderung, eine aktive und gestaltende Rolle auch in einem vereinten Europa zu spielen. Und dieser Aufforderung möchte der Enzkreis auch in Zukunft nachkommen.
Laut einer Emnid-Studie aus dem Jahre 2008 wächst trotz offener Grenzen und enger Partnerschaft in NATO und EU zwischen Polen und Deutschen offenbar die Gleichgültigkeit. 40 Prozent der Polen empfinden für ihre westlichen Nachbarn weder Sympathie noch Abneigung, in Deutschland sind es umgekehrt sogar 57 Prozent. „Ich denke, es ist unsere gemeinsame Aufgabe, diese Gleichgültigkeit zu bekämpfen. Denn Nachbarn sollten sich nie gleichgültig sein – weder im Großen noch im Kleinen“, findet Röckinger.
Die Delegation nutzte den Besuch in Oberschlesien auch dazu, das Konzentrationslager Auschwitz, das nur fünfzehn Kilometer von Mylsowice entfernt liegt, zu besuchen. Die Teilnehmer waren tief beeindruckt von dieser Stätte des Unrechts und des Grauens. Zum Gedächtnis an die Opfer legten alle Mitglieder der Delegation bei einem stillen Gedenken an der Erschießungsmauer des Stammlagers eine Rose nieder. Als ähnlich beeindruckend wie der Besuch im Stammlager erwies sich schließlich ein kurzer Halt in Auschwitz-Birkenau.


